Vergütungsgefahr bei Untergang aufgrund des vom Besteller gelieferten Stoffs, Teilvergütung, § 645 I, Höhe der Teilvergütung


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B beauftragt U, ihr Schlafzimmer neu zu tapezieren. Die geeigneten Materialien stellt sie bereit. Nachdem U die Arbeiten bereits zu 80% fertiggestellt hat, lösen sich die Tapeten nach und nach. Aufgrund eines nicht erkennbaren Produktionsfehlers haftet der Tapetenkleister nicht richtig.

Einordnung des Falls

Vergütungsgefahr bei Untergang aufgrund des vom Besteller gelieferten Stoffs, Teilvergütung, § 645 I, Höhe der Teilvergütung

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 5 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. Der Werkunternehmer hat Anspruch auf einen Teil der Vergütung, wenn das Werk aufgrund des vom Besteller gelieferten Stoffes untergeht (§ 645 Abs. 1 S. 1 BGB).

Ja, in der Tat!

§ 645 Abs. 1 S. 1 BGB modifiziert die allgemeinen Gefahrtragungsregeln im Werkvertragsrecht, indem er bereits vor Abnahme einen ein Teil der Vergütungsgefahr auf den Besteller überträgt. Dies setzt voraus, dass (1) vor Abnahme, (2) infolge eines Mangels des von dem Besteller gelieferten Stoffes oder einer von dem Besteller für die Ausführung erteilten Anweisung (3)das Werk des Unternehmers untergegangen, verschlechtert oder unausführbar geworden ist (4) ohne dass der Unternehmer dies zu vertreten hat. Der § 645 BGB basiert auf dem Prinzip der objektiven Verantwortlichkeit. Es ist deshalb nicht relevant, ob der Besteller den Untergang oder den Mangel des Stoffs zu vertreten hat oder nicht.

2. Us Werk ist vor Abnahme untergegangen.

Ja!

Das Werk ist untergegangen, wenn eine bereits erbrachte Leistung wieder entfällt oder das Werk nicht mehr vorhanden ist.U schuldete das Tapezieren der Wände. Dadurch, dass die Tapeten allesamt wieder abfielen, ist die bereits erbrachte Werkleistung wieder entfallen.

3. Der Untergang des Werkes beruhte auf einem Mangel der Stoffe, die B bereitgestellt hat.

Genau, so ist das!

Der Begriff des Stoffes ist im Hinblick auf Sinn und Zweck der Regelung weit auszulegen und umfasst alle Gegenstände, aus denen, an denen oder mit deren Hilfe das Werk herzustellen ist. Mangelhaft ist er, wenn die Eignung des Stoffes für die Werkleistung in der Weise eingeschränkt ist, dass das Werk vom Unternehmer nicht oder nur mangelhaft hergestellt werden kann.Der von B bereitgesteltle Kleister klebt aufgrund eines Produktionsfehlers nicht richtig. Er ist damit nicht geeignet, für die geschuldeten Tapezierarbeiten.

4. U hat den Untergang des Werks zu vertreten.

Nein, das trifft nicht zu!

Der Unternehmer hat die Zerstörung, Beeinträchtigung oder Unausführbarkeit des Werks zu vertreten, wenn diese auf einen Umstand zurückzuführen ist, den er bei gehöriger Erfüllung seiner Prüfungs-, Beratungs- oder Hinweispflicht hätte bemerken müssen. Aufgrund der überlegenen Fachkenntnis gehört es dabei insbesondere dazu, die Geeignetheit der vom Besteller gestellten Materialien zu prüfen und auf etwaige Risiken oder Bedenken hinzuweisen.Die Materialien waren grundsätzlich für die Tapezierarbeiten geeignet. Dass der Kleister an einem Produktionsfehler litt, war für U nicht zu erkennen.

5. U hat Anspruch nach § 645 Abs. 1 S. 1 BGB auf die gesamte Vergütung.

Nein!

Liegen die Voraussetzungen des § 645 Abs. 1 S. 1 BGB vor, so hat der Unternehmer lediglich einen Anspruch auf den Teil der Vergütung, der seiner geleisteten Tätigkeit entspricht. Die volle Vergütung kann er damit nur verlangen, wenn er seine Leistung komplett erbracht hatte. Us Werk ist aufgrund des fehlerhaften Kleisters untergegangen, ohne dass U dies zu vertreten hatte. U hat allerdings nur 80% des Werkes fertiggestellt. Entsprechend kann sie hierfür auch nur 80% der Vergütung verlangen.§ 645 Abs. 1 S. 1 BGB lässt Us Leistungspflicht unberührt. Tapeziert sie also erneut, so kann sie hierfür dann zusätzlich die volle Vergütung verlangen.

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paulmachtexamen

paulmachtexamen

21.6.2024, 18:50:28

Liebe Jurafüche, in der Vertiefung heißt es: 645 I 1 lässt Us Leistungspflicht unberührt. Tapeziert sie also erneut, so kann sie hierfür dann zusätzlich die volle Vergütung verlangen. Bekommt U dann 180% des vereinbarten Entgelts (80% zzgl den neuen 100% bei Fertigstellung) oder nur insgesamt 100%. Würde sie nämlich nur 100% bekommen, müsste die ja für die restlichen 20% überproportional viel arbeiten, da sie ja für die 20% mehr Entgelt alles von neu machen müsste.


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