Objektive Zurechnung: eigenverantwortliches Dazwischentreten eines Dritten


+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

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Klassisches Klausurproblem

Jäger A streckt den ihm verhassten X aus kurzer Entfernung durch einen Schuss in die Brust nieder. B, A's Zwillingsbruder und ebenfalls begeisterter Jäger, kommt hinzu und sieht den röchelnden X. Aus Mitleid gibt B ihm den Gnadenschuss.

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 2 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. A hat den Tod des X kausal verursacht.

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Ja!

Rspr. und hL bestimmen die Kausalität überwiegend nach der Äquivalenztheorie (= conditio sine qua non Formel). Eine Handlung ist danach kausal, wenn sie nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele.Hätte A den X nicht durch den Schuss in die Brust niedergestreckt, hätte B sich nicht dazu veranlasst gefühlt, dem X den Gnadenschuss zu geben (fortwirkende Kausalität).

2. A ist der Tod des X objektiv zuzurechnen.

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Genau, so ist das!

Beim eigenverantwortlichen Dazwischentreten eines Dritten ist nach Verantwortungsbereichen abzugrenzen. Knüpft er an das Verhalten des Ersttäters dergestalt an, dass er eine neue, selbstständig auf den Erfolg hinwirkende Gefahr schafft, die sich dann allein im Erfolg realisiert, ist der Erfolg ausschließlich ihm zuzurechnen.B setzt nicht selbstständig eine neue Gefahr. Er ordnet sich der von A geschaffenen Ausgangsgefahr insofern unter, als er die Todesqualen des X verkürzen will. B's Handeln ist auch nachvollziehbar (kein atypischer Kausalverlauf).Da A und B hier nicht zusammenwirken, handelt es sich bei ihnen nicht um Mittäter. Vielmehr sind sie jeder für sich als Nebentäter strafbar.

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LH

L. H.

4.2.2021, 12:18:21

Ist A dann mittelbarer Täter nach Paragraph 25 Abs. 1 Var. 2 StGB? Und B wäre dann nicht-strafbarer Tatmittler? Und B's Deliktsminus wäre dementsprechend die fehlende objektive Zurechnung?

Eigentum verpflichtet 🏔️

Eigentum verpflichtet 🏔️

4.2.2021, 16:17:40

Hallo L.H., danke für die guten Fragen. Nach Lektüre von BGHSt 39, 195 kann ich dazu folgendes ausführen: "Stirbt das Opfer am Zusammentreffen der Verletzungsfolgen zweier Schüsse, von denen ein jeder auch allein zum Tod geführt hätte, so sind beide Schüsse ursächlich für den Erfolg (so. alternative Kausalität)." A hat den B hier nicht als "Werkzeug" benutzt um den X zu töten. Er hatte keinerlei Vorsatz hinsichtlich der Todesverursachung durch B, stattdessen wollte er selbst den Tod des X herbeiführen. Genauso steht es bei B, dieser wollte (wenn auch aus "edleren Motiven") den X töten. Demnach ist A wegen heimtückischen (vollendeten) Mordes § 211 StGB zu bestrafen, da sich X beim Schuss durch A keines Angriffs auf sein Leben versah und deswegen arg- und wehrlos war.

Eigentum verpflichtet 🏔️

Eigentum verpflichtet 🏔️

4.2.2021, 16:19:41

B ist wegen vollendeten Totschlags (§ 212 StGB) zu bestrafen, da X nunmehr nicht mehr, in Folge von Arglosigkeit wehrlos war (sondern in Folge des Schusses von A), sodass keine Heimtücke vorliegt. Andere Mordmerkmale sind im Übrigen auch nicht ersichtlich, insbesondere hat B nicht zur Verdeckung des von A begangenen Mordes gehandelt.

LH

L. H.

4.2.2021, 17:03:49

Interessant. Danke für die Ausführungen!

AR

Artur

29.5.2021, 23:34:44

Sind die dann Nebentäter?

claudi V

claudi V

14.1.2023, 11:21:58

Warum komme ich hinsichtlich A nicht zu einer abgebrochenen/überholenden Kausalität?

Lukas_Mengestu

Lukas_Mengestu

18.1.2023, 15:53:21

Vielen Dank für die Rückfrage, Claudia. Der entscheidende Unterschied zu den Fällen der abgebrochenen/überholenden Kausalität ist der, dass in diesen Fällen die zugrundeliegenden Handlungen unabhängig voneinander sind, zB versuchen zwei Personenen A + B jeweils unabhängig voneinander eine dritte Person C umzubringen. A vergiftet Cs essen, bevor C daran verstirbt, erschießt ihn B. In diesem Fall wirkt die ursprünglich von A gesetzte Todesursache nicht im tatbestandsmäßigen Erfolg fort. Hier ist das anders. Ohne As Schuss, hätte sich B nicht genötigt gefühlt, X den Gnadenschuss zu erweisen. Insofern wirkt As Handeln fort und war letztlich kausal für X Tod. Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

ASA

asanzseg

13.6.2023, 18:46:55

Ich würde auch bei dem Gnadenschuss unbedingt die wichtige Bemerkung einfügen, dass beide Täter als Nebentäter zu bestrafen sind. (Jew. wenn Mord in Frage kommt natürlich auch die Strafmilderung bzw die Anwendung §28)

Lukas_Mengestu

Lukas_Mengestu

16.6.2023, 16:54:44

Danke Dir, das haben wir noch aufgenommen. Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

EVA

evanici

12.9.2023, 15:58:37

Geht die "fortwirkende Kausalität" dann eigentlich immer Hand in Hand mit der bejahten Fallgruppe des Dazwischentreten Dritters in der objektiven Zurechnung?


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