Eingreifen freiwilliger, rechtlich nicht verpflichteter Retter – objektive Zurechnung


+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

Jurafuchs

Der schusselige S hat in seiner Wohnung im 1. Stock vergessen, den Herd auszuschalten. Es kommt im Mehrfamilienhaus zum großflächigen Brand. Passantin P läuft daran vorbei und hört die Schreie eines Babys. Sie geht hinein und wird im Flur von einem herabfallenden Balken getötet.

Einordnung des Falls

Eingreifen freiwilliger, rechtlich nicht verpflichteter Retter – objektive Zurechnung

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 1 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. Ist S der Tod der P objektiv zuzurechnen?

Diese Rechtsfrage lösen [...Wird geladen] der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

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Ja, in der Tat!

Objektiv zurechenbar ist ein Erfolg, wenn durch das Verhalten des Täters (1) eine rechtlich missbilligte Gefahr geschaffen worden ist, die (2) sich im tatbestandsmäßigen Erfolg realisiert. Ausnahme 1: Keine Zurechnung, wenn ein Dritter sich eigenverantwortlich selbst gefährdet. Ausnahme 2: Keine Zurechnung, wenn die Handlung des Dritten nicht typischerweise und deshalb unvorhersehbar in der Ausgangsgefahr begründet liegt. P hat sich zwar eigenverantwortlich selbstgefährdet. Sie ist freiwillige Helferin (keine Berufshelferin). Die Zurechnung ist aber ausnahmsweise geboten, wenn sich der Retter herausgefordert fühlen durfte und dies für den Täter vorhersehbar war. S hat mit dem Brand für P typischerweise und vorhersehbar ein einseitiges Motiv für gefährliche Rettungsmaßnahmen geschaffen.

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SEBP

Sebastian Pitz

27.1.2020, 17:01:52

Ich bin kein Jurastudent, aber wenn sich P ohne vorheriges Informieren der Rettungskräfte in ein brennendes Haus stürzt, von dem offensichtlich eine Gefahr ausgeht, denke ich schon, dass man das als eigenständige und unverhältnismäßige Selbstgefährdung klassifizieren kann. Vor allem da P ja nur ein schreiendes Kind gehört hat, was ja auch nicht unbedingt die überstürzte Reaktion rechtfertigt. Ohne weitere Informationen hätte das Kind ja auch in einem nicht direkt gefärdeten Bereich seien können.

KO

Kolja

3.12.2021, 13:19:44

Meiner Meinung nach könnte der Ausschluss des eigenverantwortlichen Handelns so begründet werden: Jemand handelt eigenverantwortlich, wenn seine Willensbildung frei von Zwang oder Irrtum ist. Zwang muss hierbei jedoch nicht unbedingt Zwang durch Drohung o.ä. bedeuten. Es kann auch heißen, dass die Person sich aus moralischen Gründen gezwungen sehen kann zu handeln. Dies könnte hier der Fall sein, da ein Baby zu sterben droht. Dass dann manche Leute sozusagen „nicht anders können“ als einen Versuch zur Rettung zu unternehmen muss dem Täter bewusst sein und damit ist eine Eigenverantwortlichkeit ausgeschlossen.

BI

BigBrother

12.12.2021, 13:39:13

Die Herausforderungsrechtsprechung wird von vielen Schöff:innen bestimmt unterstützt. @Kolja Sicht ist durchaus differenzierter.

OG

Oggi

28.1.2020, 19:29:49

Ich finde hier liegt der Fall eher wie beim Feuerwehrmann, der ohne Ausrüstung helfen will. Meines Erachtens verhält sich P gleichermaßen völlig unvernünftig. In ein Haus zu rennen, welches großflächig brennt ist mit großen Lebensgefahren verbunden. Es kann meines Erachtens in einem solch gelagertem Fall auch nicht darauf ankommen, ob sie an einem herunterfallenden Balken oder einer Rauchvergiftung stirbt, da beide Gefahren gleichermaßen immanent sind. Zumal sie auch nur eine Passantin und nicht die Mutter des Kindes ist; Bei einer Mutter könnte man schon eher diskutieren, ob sie sich berechtigterweise herausgefordert fühlen durfte zu helfen.

Henk

Henk

4.3.2020, 10:00:57

Stimme Dir grdsl zu. Ist wahrscheinlich eine Wertungsentscheidung. Der Gedanke den ich mir dahinter vorstelle ist, dass Personen die vor der Feuerwehr vor Ort sind, in der Lage sind Schäden aufgrund des Zeitvorsprunges zur Feuerwehr abwenden zu können. Diese wären beim Eintreffen der Fw evtl schon eingetreten. Für die Personen der Feuerwehr wäre es unvernünftig nicht schnell ihre Schutzausrüstung anzuziehen. Der obige Zeitvorsprung ist auch bereits verstrichen.

Constanze.Jauch

Constanze.Jauch

20.2.2023, 14:21:45

Oggi, ich sehe das anders. Der Feuerwehrmann kennt aufgrund seines Berufes die Gefahren, die mit seiner Handlung einhergehen. Er ist gerade aufgrund seines Berufes in der Lage die Gefahr abzuschätzen ( zB wie weit ist die Beschädigung des Hauses etc.) die besteht, wenn er ohne Ausrüstung und Absprache in das brennende Haus rennt. Zudem hat der Feuerwehrmann auch andere Risiken einzugehen, als eine Passantin, da diese mit seinem Beruf einhergehen. Eine Passantin, die die Lage nicht überblicken kann, hat diese Kenntnis eben nicht und handelt nur, weil sie sich in der Pflicht sieht zu handeln.

EN

Entenpulli

10.8.2023, 21:14:39

Wenn die Zurechnung schon bei einem Feuerwehrmann entfällt, der ohne Ausrüstung ins Haus stürmt, dann doch erst recht bei einem Laien, der zudem noch weniger dazu verpflichtet ist aktiv einzugreifen. Der Feuerwehrmann muss (nach Anlegen der Ausrüstung) helfen, die Passantin nicht. Es leuchtet mir also nicht ein, wieso der Fall hier anders entschieden wird. Über eine Erklärung würde ich mich sehr freuen.


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