Rücktritt vom beendeten Versuch – Verhinderung des Eintritts des Taterfolgs (subjektive Komponente)


+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

Jurafuchs

T möchte O durch einen Autounfall töten und fährt ihr daher auf der Landstraße entgegen. Dann wechselt er die Spur, um O frontal zu rammen. Kurz darauf denkt er um und bremst stark, da er erkennt, dass ein tödlicher Unfall selbst dann die Folge wäre, wenn er einfach nur aufhörte Gas zu geben. Die Kollision ist nur leicht und beide bleiben unverletzt. Der Unfall hätte tödlich geendet, wenn O nicht ebenfalls stark gebremst hätte.

Einordnung des Falls

Rücktritt vom beendeten Versuch – Verhinderung des Eintritts des Taterfolgs (subjektive Komponente)

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 3 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. Ts Versuch des Totschlags (§§ 212 Abs. 1, 22, 23 Abs. 1 StGB) ist fehlgeschlagen.

Diese Rechtsfrage lösen 81,3 % der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

Nein, das trifft nicht zu!

Ein Versuch gilt dann als fehlgeschlagen, wenn der Täter glaubt, dass er den Erfolg nicht mehr herbeiführen kann, ohne eine völlig neue Kausalkette in Gang zu setzen. T dachte, dass seine Tat zur Vollendung führen würde.

2. Es liegt ein beendeter Versuch vor.

Diese Rechtsfrage lösen 86,1 % der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

Ja!

Ein Versuch gilt dann als beendet, wenn der Täter glaubt, dass er alles zur Tatbestandsverwirklichung Erforderliche getan hat. Dabei reicht es aus, dass der Täter es für möglich hält, dass er alles Erforderliche getan hat, aber auch, wenn er sich keine Gedanken macht, aber die Möglichkeit sieht. T hat erkannt, dass der Unfall auch tödlich geendet hätte, wenn er nur aufgehört hätte Gas zu geben. Er musste daher keine weiteren Handlungen vornehmen, damit der Erfolg eintritt. Vielmehr hätte seine bisherige Tathandlung bereits zum Erfolg geführt, was er auch erkannte.

3. T hat den Eintritt des Taterfolges verhindert (§ 24 Abs. 1 S. 1 Var. 2 StGB).

Diese Rechtsfrage lösen 62,3 % der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

Genau, so ist das!

Bei beendeten Versuchen ist es erforderlich, dass der Täter den Eintritt des Erfolges verhindert. Dafür muss der Täter objektiv für die Erfolgsverhinderung kausal geworden sein. In subjektiver Hinsicht muss der Täter den von ihm in Gang gesetzten Kausalverlauf bewusst und gewollt unterbrechen. Das starke Abbremsen des T war alleine nicht kausal dafür, dass O nicht tödlich verletzt wurde. Das Bremsen durch O war ebenfalls zur Erfolgsabwendung erforderlich. Mitursächlichkeit ist nach der Rechtsprechung jedoch ausreichend, da auch in diesem Fall die Handlung kausal war: Sie kann nicht hinweggedacht werden, ohne dass der Erfolg eintreten würde.

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PH

Philippe

12.6.2022, 21:53:33

Fehlt es hier aber nicht am Verhinderungsvorsatz? T wollte die Tat weiter vollenden, eben nur mit weniger Geschwindigkeit. Nach seiner Vorstellung wäre ein tödlicher Unfall auch im Falle des Abbremsens die Folge. Dementsprechend kann darin doch kein Rücktritt liegen, weil er an dem Plan der Deliktsvollendung festhält.

Lukas_Mengestu

Lukas_Mengestu

16.6.2022, 14:08:15

Hallo Phlippe, schau hier gerne noch einmal in den Sachverhalt. Dass T die Tat weiter vollenden wollte, ergibt sich hieraus unserer Ansicht nicht. Vielmehr war ihm bewusst, dass er die Tat vollenden würde, wenn er nur aufhören würde Gas zu geben. Da T aber die Tat nicht mehr vollenden wollte, bremste er ab. Unerheblich ist dabei, dass allein dies noch nicht ausgereicht hätte, sondern zusätzlich erforderlich war, dass auch O hier ein Bremsmanöver einleitete. Ist es jetzt etwas klarer? Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

PH

Philippe

16.6.2022, 21:44:26

Ja, ich habe das stark Bremsen mit dem Aufhören, Gas zu geben, gleichgesetzt und dachte, er will O töten, indem er aufhört, Gas zu geben.


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