+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

Jurafuchs

T stürmt bewaffnet und eine Sturmmaske tragend die Wohnung eines älteren Ehepaares. Nachdem er den Mann überwältigt und gefesselt hat, wendet er sich der schwer asthmakranken O mit vorgehaltener Waffe zu. Obwohl O einen Asthmaanfall erleidet, verweigert T ihr das Inhalationsgerät. O stirbt.

Einordnung des Falls

Raub mit Todesfolge § 251 StGB: Leichtfertigkeit

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 3 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. Verursacht der Täter durch den Raub (§§ 249, 250, 252, 255 StGB) wenigstens leichtfertig den Tod eines anderen Menschen, so ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren (Raub mit Todesfolge, § 251 StGB).

Diese Rechtsfrage lösen 99,7 % der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

Genau, so ist das!

Raub mit Todesfolge (§ 251 StGB) ist ein erfolgsqualifiziertes Delikt, bei dem der Täter durch den Raub in zumindest leichtfertiger Weise den Tod eines anderen Menschen verursacht hat. Die Voraussetzungen sind (1) die Verwirklichung des Grundtatbestandes (§§ 249, 250, 252 und 255 StGB), (2) der Eintritt des Todes eines Menschen als schwere Folge, (3) Kausalität zwischen Grunddelikt und schwerer Folge, (4) der Unmittelbarkeitszusammenhang zwischen Grunddelikt und Folge, (5) leichtfertiges sowie (6) rechtswidriges und (7) schuldhaftes Handeln.

2. Leichtfertigkeit bestimmt sich nach § 18 StGB.

Diese Rechtsfrage lösen 87,4 % der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

Nein, das trifft nicht zu!

Im Rahmen des § 251 StGB muss der Täter den Tod des Opfers zumindest leichtfertig verursachen. Es wird, abweichend von § 18 StGB (Norm lesen!), nicht nur einfaches fahrlässiges Verhalten gefordert. Leichtfertigkeit verlangt "mehr" und bedeutet grobe Fahrlässigkeit: Leichtfertig im Sinne des § 251 StGB handelt, wer die sich ihm aufdrängende Möglichkeit eines tödlichen Verlaufs aus besonderem Leichtsinn oder besonderer Gleichgültigkeit außer Acht lässt.

3. T hat hier leichtfertig gehandelt.

Diese Rechtsfrage lösen 88,0 % der Jurist:innen in Studium und Referendariat richtig.

Ja!

Leichtfertig im Sinne des § 251 StGB handelt, wer die sich ihm aufdrängende Möglichkeit eines tödlichen Verlaufs aus besonderem Leichtsinn oder besonderer Gleichgültigkeit außer Acht lässt. Das Gewicht der Fahrlässigkeit hängt dabei nicht nur vom Umfang der Tatsachenkenntnis, sondern auch vom Grad der Vermeidbarkeit ab, also inwieweit sich die Gefahr des Erfolgseintritts namentlich wegen der besonderen Gegebenheiten der Opfersituation (hier: schwerer Asthmaanfall einer unter Schock stehenden älteren Frau) aufdrängen musste; demgemäß kann unbewusste Fahrlässigkeit genügen. Durch den Asthmaanfall der O drängte sich der tödliche Verlauf des Geschehens auf. Trotzdem verweigerte T ihr das Asthmagerät. Er handelte zumindest leichtfertig.

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DAN

Daniel

19.12.2020, 20:32:36

Woher konnte T von der Asthmaerkrankung der O wissen? Und wenn er es nicht wusste, wie konnte sich dann der tödliche Verlauf dem T aufdrängen?

Der BGBoss

Der BGBoss

20.12.2020, 09:22:24

Bei einem Asthmaanfall stirbst du ja nicht direkt, sondern die Atemnot verschlimmert sich sukzessiv. M.E hat sich nach Beginn dieser Asthmaattacke dem T der tödliche Verlauf aufgedrängt, sodass er leichtfertig gehandelt hat.

Lukas_Mengestu

Lukas_Mengestu

12.11.2021, 18:40:18

Danke euch beiden, wir haben nun noch ergänzt, dass T hier auch das Inhalationsgerät der O vorenthielt. Dadurch sollte es nun noch eindeutiger werden. Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

Vulpes

Vulpes

11.1.2021, 18:48:53

Wenn hier die leichtfertige Handlung im Unterlassen einer Rettung der O liegen soll fände ich es schön, wenn der Sachverhalt mehr darauf angelegt wäre. M. E. ist nur in dem vorhalten der Waffe noch keine leichtfertige Verursachung ihres Todes zu erkenn, oder liege ich da falsch?

Lukas_Mengestu

Lukas_Mengestu

12.11.2021, 18:39:22

Danke Adrian, wir haben nun noch die Information ergänzt, dass T der O hier auch das Inhalationsgerät verweigert hat. Dadurch sollte die Leichtfertigkeit noch klarer werden. Beste Grüße, Lukas

MK-

MK-

28.8.2023, 08:44:45

Hier fehlt es doch schon bereits objektiv an der Wegnahme einer fremden beweglichen Sache. Wie kommt man hier zur Prüfung der Leichtfertigkeit?

DIAA

Diaa

28.8.2023, 21:37:24

Das hätte ich auch gerne gewusst..!


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