Beschleunigen des Todes eines nicht Lebensfähigen als "Tötung"


+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

Jurafuchs

S versucht im 6. Schwangerschaftsmonat eigenständig ihre Schwangerschaft abzubrechen. Dabei setzen Wehen ein und die Leibesfrucht wird ausgestoßen. Um den Tod des atmenden, aber nicht dauerhaft lebensfähigen Neugeborenen N zu beschleunigen, erstickt S es mit einem Kissen.

Einordnung des Falls

Beschleunigen des Todes eines nicht Lebensfähigen als "Tötung"

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 2 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. Das Neugeborene N ist ein "Mensch" (§ 212 Abs. 1 StGB).

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Genau, so ist das!

Tatopfer der Tötungsdelikte (§§ 211-216 StGB) ist der Mensch als geborenes Leben. Der Gesetzgeber stellt hinsichtlich des Beginns des menschlichen Lebens auf die Geburt (Beginn der Eröffnungswehen) ab. Die Lebensfähigkeit des Neugeborenen ist nicht entscheidend. Die Einstufung als Mensch setzt lediglich voraus, dass das Kind – wenn auch nur für kurze Zeit (z.B. nach einer Frühgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch) – unabhängig von der Mutter lebt. N lebt nach der Geburt.

2. S hat einen Menschen "getötet" (§ 212 Abs. 1 StGB).

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Ja, in der Tat!

Töten bedeutet das ursächliche Herbeiführen des Todes. Es geht um die zurechenbare Verursachung des Todes durch eine beliebige Handlung, die dazu geeignet ist, das Leben des Opfers zu beenden. Die bloße Lebensverkürzung bzw. Beschleunigung des Todeseintritts reicht hierfür aus. Indem S den N erstickt hat, hat sie eine neue Kausalkette in Gang gesetzt. Ohne diese Handlung wäre N nicht durch Ersticken, sondern erst kurze Zeit später gestorben.

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