Enklaventheorie | schwer transportierbare Gegenstände


+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

Jurafuchs
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Klassisches Klausurproblem

T bricht am frühen Morgen in der Gärtnerei des O ein. Er verlädt einen Steingut-Topf in den Anhänger seines außerhalb des Gärtnereigeländes stehenden, abfahrbereiten Mofas und geht dann nochmal in die Gärtnerei, um nach weiterer Beute zu suchen. In diesem Moment kommt L vorbei, der das geöffnete Tor und den Topf auf dem Mofa-Anhänger sieht und einen Diebstahl vermutet. Er informiert die Polizei.

Einordnung des Falls

Enklaventheorie | schwer transportierbare Gegenstände

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 2 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. Bereits unmittelbar mit dem Ergreifen auf dem Gelände des O hat T den Gewahrsam an dem Topf gebrochen und diesen somit weggenommen (§ 242 Abs. 1 StGB).

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Nein, das trifft nicht zu!

Gewahrsam ist die tatsächliche Sachherrschaft, die von einem natürlichen Herrschaftswillen getragen wird und deren Grenzen und Reichweite sich nach der Verkehrsanschauung bestimmen. Nach der Apprehensionstheorie (Ergreifungstheorie) wird bereits mit dem Ergreifen in einer fremden Gewahrsamssphäre neuer Alleingewahrsam begründet. Diese findet jedoch nur bei kleinen, handlichen Gegenständen Anwendung, da stets erforderlich ist, dass das Wegschaffen der Sache problemlos möglich ist. Bei größeren Sachen, die nicht verborgen oder eingesteckt werden können, ist nach der Verkehrsanschauung die Sache innerhalb der Gewahrsamssphäre regelmäßig weiterhin dem ursprünglichen Inhaber zuzuordnen, da dem Wegschaffen noch wesentliche (potentielle) Hindernisse entgegenstehen.Insbesondere wäre es nicht sozial auffällig wenn der Inhaber der Gewahrsamssphäre auf die Sache zugreifen würde.

2. Durch das Fortschaffen aus der Gewahrsamssphäre des O hat T dessen Gewahrsam gebrochen.

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Ja!

OLG Karlsruhe: In dem Moment, als T den Topf auf seinen Anhänger außerhalb des Grundstücks brachte, standen dem Wegschaffen der Beute keinerlei Hindernisse mehr entgegen. Bei natürlicher Betrachtung konnte T nun sein Mofa besteigen und mit der Beute den Tatort verlassen, ohne dass der bisherige Gewahrsamsinhaber die Ausübung der Sachherrschaft des T an dem Topf noch hätte hindern können. Die Verkehrsanschauung ordnete in dieser Lage den Gewahrsam an dem Topf dem Besitzer des Mofas mit Anhänger und nicht mehr dem Gärtnereibetreiber zu. Nach der natürlichen Lebensauffassung war die Wegnahme damit vollendet.

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