Strafrecht

Strafrecht Allgemeiner Teil

Objektive Zurechnung

Eigenverantwortliche Selbstgefährdung („Heroinspritzenfall“)

Eigenverantwortliche Selbstgefährdung („Heroinspritzenfall“)

4. April 2025

17 Kommentare

4,7(44.050 mal geöffnet in Jurafuchs)

leichtmittelschwer

+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)

Jurafuchs
Tags
Klassisches Klausurproblem

A berichtet dem ebenfalls drogenerfahrenen B, dass er Heroin habe, das sie sich gemeinsam drücken könnten. Daraufhin besorgt B die Spritzen. Nachdem sich beide eine Spritze mit großer Menge Heroin gesetzt haben, werden sie bewusstlos. B wird durch Dritte gerettet. A stirbt.

Diesen Fall lösen 86,3 % der 15.000 Nutzer:innen unseres digitalen Tutors "Jurafuchs" richtig.

Einordnung des Falls

Heroinspritzenfall (BGHSt 32, 262 - eigenverantwortliche Selbstgefährdung)

Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 2 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt

1. B hat den Tod des A kausal verursacht.

Ja, in der Tat!

Rspr. und hL bestimmen die Kausalität überwiegend nach der Äquivalenztheorie (= conditio-sine-qua-non-Formel). Eine Handlung ist danach kausal, wenn sie nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele.Hätte B dem A nicht die Spritze zur Verfügung gestellt, hätte A sich keine tödliche Überdosis des Heroins spritzen können.
Jurafuchs 7 Tage kostenlos testen und tausende Fälle wie diesen selbst lösen.
Erhalte uneingeschränkten Zugriff alle Fälle und erziele Spitzennoten in
Jurastudium und Referendariat.

2. B ist der Tod des A objektiv zuzurechnen.

Nein!

Objektiv zurechenbar ist ein Erfolg, wenn durch das Verhalten des Täters (1) eine rechtlich missbilligte Gefahr geschaffen worden ist, die (2) sich im tatbestandsmäßigen Erfolg realisiert. Eine die Zurechnung ausschließende eigenverantwortliche Selbstgefährdung des Opfers ist von der einverständlichen Fremdgefährdung abzugrenzen. Das Opfer gefährdet sich eigenverantwortlich selbst, wenn die alleinige Tatherrschaft bei ihm selbst liegt.B hat das Risiko kraft überlegenen Sachwissens nicht besser erfasst als A. Beide waren gleichermaßen drogenerfahren. A hat sich die Spritze selbst gesetzt und somit auch Tatherrschaft besessen.
Dein digitaler Tutor für Jura
Jetzt kostenlos testen
Jurafuchs
Eine Besprechung von:
Jurafuchs Brand
facebook
facebook
facebook
instagram

Jurafuchs ist eine Lern-Plattform für die Vorbereitung auf das 1. und 2. Juristische Staatsexamen. Mit 15.000 begeisterten Nutzern und 50.000+ interaktiven Aufgaben sind wir die #1 Lern-App für Juristische Bildung. Teste unsere App kostenlos für 7 Tage. Für Abonnements über unsere Website gilt eine 20-tägige Geld-Zurück-Garantie - no questions asked!


Fragen und Anmerkungen aus der Jurafuchs-Community

AN

Anonym

7.4.2021, 04:01:22

Ein Drogensüchtiger mit Heroin wird es auch nehmen, daher ist es doch unerheblich, ob ein anderer die Spritzen besorgt. In Zweifel steht nicht die konkrete Kausalität Spritzen gekauft -> Heroin konsumiert, sondern ob das Kausalitätsprinzip in diesem Einzelaspekt des Falles maßgeblich für eine Entscheidung sein könnte.

Lukas_Mengestu

Lukas_Mengestu

8.4.2021, 09:08:15

Hallo Nathan, im Ergebnis hast du recht, dass eine Strafbarkeit ausscheidet. Allerdings kommt es in Prüfungen maßgeblich darauf an, Schritt für Schritt dahin zu gelangen. Dabei ist sauber zwischen verschiedenen Ebenen zu differenzieren. Auf Ebene der Kausalität sind hypothetische Ersatzursachen idR unbeachtlich. Auch wenn A also das Heroin auch mit anderen Spritzen hätte konsumieren können, so hat er es im konkreten Fall mit den Spritzen des E getan, weshalb dessen Beitrag kausal war. Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

Sparvey Hecter

Sparvey Hecter

6.7.2023, 20:42:04

Ich sehe das eher so, dass im Sachverhalt lediglich drogenerfahren, aber nicht abhängig steht. Ändert aber an der Fallfrage im Endeffekt nichts.

lennart20

lennart20

10.4.2023, 11:47:02

Wie grenzt man grundsätzlich die

eigenverantwortliche Selbstgefährdung

von der rechtfertigenden Einwilligung ab?

SanyaM

SanyaM

21.8.2023, 17:46:57

Ich denke, dabei ist auf die Tatherschafft abzustellen. Liegt diese zumindest nicht alleinig beim Täter, dann liegt eine

eigenverantwortliche Selbstgefährdung

vor.

WilliWillsWissen

WilliWillsWissen

21.9.2023, 10:09:26

Sofern B nicht drogenerfahren wäre, müsste man dann ggf. die Einwilligung verneinen aufgrund einer Überschreitung der Grenze der

Sittenwidrigkeit

, da B dann evlt nicht einschätzen konnte wie gefährlich eine zu große Menge Heroin ist? Oder macht man das nur in Fällen der einverständlichen

Fremdgefährdung

?

LELEE

Leo Lee

24.9.2023, 13:30:56

Hallo WilliWillsWissen, sofern man die Einwilligung ansprechen würde, würde man wahrscheinlich bereits bei der Einwilligungsfähigkeit feststellen, dass aufgrund der Unerfahrenheit der Einwilligende (also B) nicht die Einsichtsfähigkeit hatte, die Tragweite seiner Entscheidung zu überblicken. Allerdings könnte man auch. Hierzu kann ich die Lektüre von Rengier AT 21. Auflage, § 23 Rn. 9 ff. sehr empfehlen :). Liebe Grüße – für das Jurafuchsteam – Leo

HGWrepresent

HGWrepresent

15.10.2024, 21:02:15

Ich bin kein Profi, aber es müsste „zusammen drücken“ heißen und nicht „zusammendrücken“. Schließlich spritzt (drückt) man sich das Heroin gemeinsam (zusammen) und drückt es nicht zusammen xD

Linne_Karlotta_

Linne_Karlotta_

17.10.2024, 16:30:59

Hallo HGWrepresent, vielen Dank für Deinen Hinweis! Wir haben den Fehler auf unsere Liste gesetzt und werden ihn im nächsten Korrekturgang beheben. Deine Aufmerksamkeit hilft uns, die Qualität unserer Inhalte hochzuhalten. Wir werden diesen Thread als erledigt markieren, sobald wir den Fehler behoben haben. Beste Grüße, Linne_Karlotta_, für das Jurafuchs-Team

Wendelin Neubert

Wendelin Neubert

24.10.2024, 17:12:35

Danke für Deinen berechtigten Hinweis @[HGWrepresent](149544), wir haben den Aufgabentext entsprechend angepasst. Beste Grüße - Wendelin für das Jurafuchs-Team

AL

alina_jst_

20.1.2025, 14:26:50

Aber muss neben der Tatherrschaft bzw. dem gleichwertigen Risikowissen nicht auf einer zweiten Ebene noch die Frage der Eigenverantwortlichkeit der Selbstgefährdung beantwortet werden? Dazu werden die Einwilligungstheorie und die

Exkulpationslösung

vertreten. Müsste man hier nicht zumindest nach der Einwillungstheorie, die die Maßstäbe einer wirksamen Einwilligung anwendet, die Eigenverantwortlichkeit verneinen, weil das Leben als Rechtsgut nicht

disponibel

ist? oder existiert dieser Prüfungspunkt nur im Rahmen der rechtfertigenden Einwilligung auf Ebene der

Rechtswidrigkeit

und man fragt sich im Fall der eigenverantwortlichen Selbstgefährdung auf Tatbestandebene nur nach Verfügungsberechtigung, Einwilligungsfähigkeit und Freiheit von Täuschung? Was ist darüber hinaus mit der Grenze der

Sittenwidrigkeit

(§ 228)? Oder ist das hier eine Frage des

Vorsatz

es? Sprich, wenn das sich selbst gefährdende Opfer die Todesgefahr nicht erkennt, kann es in die reine Handlung einwilligen (und nicht in den Erfolg)?


Jurafuchs 7 Tage kostenlos testen und mit 15.000+ Nutzer austauschen.
Kläre Deine Fragen zu dieser und 15.000+ anderen Aufgaben mit den 15.000+ Nutzern der Jurafuchs-Community
Dein digitaler Tutor für Jura
Jetzt kostenlos testen