Zivilrecht
Sachenrecht
Rechtsgeschäftlicher Eigentumserwerb an beweglichen Sachen
Übereignung nach § 929 S. 1 BGB: Widerruflichkeit der Einigung
Übereignung nach § 929 S. 1 BGB: Widerruflichkeit der Einigung
4. April 2025
26 Kommentare
4,8 ★ (20.875 mal geöffnet in Jurafuchs)
+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)
V und K schließen einen Kaufvertrag über ein Auto und einigen sich dinglich. Die Übergabe soll in einer Woche erfolgen. V möchte vier Tage später aber nicht mehr, dass K Eigentümer des Autos wird. V teilt dies K nicht mit, übergibt ihm aber das Auto.
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Einordnung des Falls
Übereignung nach § 929 S. 1 BGB: Widerruflichkeit der Einigung
Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 3 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt
1. K könnte das Eigentum an dem Auto gemäß § 929 S. 1 BGB durch Übereignung von V erlangt haben.
Ja!
Jurastudium und Referendariat.
2. V wollte bei Übergabe mit K tatsächlich nicht mehr, dass das Eigentum auf K übergeht. Reicht dieser Wille allein für einen Widerruf einer einmal erklärten Einigung nach § 929 S. 1 BGB aus?
Nein, das ist nicht der Fall!
3. Die Einigung muss im Zeitpunkt der Übergabe noch fortwirken, damit das Eigentum nach § 929 S. 1 BGB übergeht. Spricht das dafür, dass der Veräußerer die Einigungserklärung nach Zustandekommen der Einigung grundsätzlich einseitig widerrufen kann?
Genau, so ist das!
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Fragen und Anmerkungen aus der Jurafuchs-Community

Tigerwitsch
22.4.2021, 10:20:10
Angenommen V hätte das dem K kundgetan. Welche Ansprüche hätte dann K gegen V (ausgenommen die Ansprüche bzgl des
Verpflichtungsgeschäfts)?

Lukas_Mengestu
11.5.2021, 18:11:21
Hallo Tigerwitsch, abgesehen von den vertraglichen Ansprüchen bestehen keine weiteren. Neben dem Primäranspruch auf Verschaffung des Autos (§ 433 Abs. 1 BGB), bestehen aber natürlich auch
sekundäre
Schadensersatzansprüche. D.h., wenn V hier dauerhaft die Leistung verweigert, dann kann sich K im Wege des
Deckungskaufes einen anderen Wagen besorgen und nach §§ 280 Abs. 1, 3, 281 BGB im Falle von höheren Kosten die Differenz als
Schadensersatzverlangen. Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

Ira
11.8.2021, 17:00:38
Blotgrim
11.7.2024, 10:47:56
Kommt zwar zu spät die Antwort, aber nein. Ein
geheimer Vorbehaltwäre es, wenn sich der Verkäufer bei der dinglichen Einigung schon insgeheim denkt, dass er gar nicht will, dass Eigentum übergehen soll. Das ist hier ja nicht der Fall, hier entwickelt sich der Wille ja erst vier Tage nach der Einigung. Das der Verkäufer es sich bei der Übergabe denkt ist egal, da die Einigung ja schon vorher geschlossen wurde, als er sich noch an die Einigung halten wollte. Außerdem hätte ein
geheimer Vorbehalthier wohl keine Auswirkung, da er der Käuferin nicht bekannt war (§ 116 I 1)

Cornelius
11.5.2021, 17:38:47
Wenn die Übergabe eine Woche nach Einigung sein soll, V aber vier Tage später - also drei Tage vor Übergabe an K nicht mehr möchte das V Eigentümer wird….. Bitte den Sachverhalt genauer darstellen, gemeint ist hier wahrscheinlich das V vier Tage nach Übereignung seine Meinung ändert. Das ist leider missverständlich formuliert.

Lukas_Mengestu
11.5.2021, 17:56:20
Hallo Cornelius, die Übereignung nach § 929 S. 1 BGB ist ein mehraktiger Vorgang. Zunächst bedarf es der dinglichen Einigung (1) und anschließend der Übergabe (2), wobei zum Zeitpunkt der Übergabe das einig sein noch vorliegen muss (3). Einigung und Übergabe finden häufig zeitgleich statt, das ist aber nicht zwingend. Aus dem Sachverhalt geht nach unserer Auffassung hinreichend hervor, dass sie hier auseinanderfallen und der G
esinnungswandel des V zwischen der Einigung (1) und der Übergabe (2) erfolgt. Vielleicht wird es mit Wochentagen noch deutlicher: Am Montag schließen V und K den schuldrechtlichen Kaufvertrag. Gleichzeitig einigen sie sich dinglich über den Eigentumswechsel. Am Freitag (4 Tage später) überlegt es sich V anders, sagt K aber nichts.

Lukas_Mengestu
11.5.2021, 17:58:15
Am nächsten Montag (1 Woche später) gibt V dem K den Schlüssenl und übergibt ihm damit das Auto (2), ohne ihm jedoch von seinem geänderten Entschluss etwas zu sagen. Wird es so etwas deutlicher? Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team

Cornelius
11.5.2021, 18:08:50
Danke für die ausführliche Antwort. Weshalb übergibt V denn den Wagen an K? Er will doch schon vor Übergabe nicht mehr das er Eigentümer wird. Ist einfach unlogisch.

Lukas_Mengestu
11.5.2021, 21:39:54
Hallo Cornelius, der Fall erscheint auf den ersten Blick sicher etwas unlogisch. Dies liegt maßgeblich daran, dass wir die teilweise recht komplexen Sachverhalte aus der Praxis gerade in den systematischen Kursen auf ihren wesentlichen Kern reduzieren müssen, um die zugrunde liegenden Prinzipien. Dies unterstützt zwar die Verständlichkeit, man kann sich dann allerdings manchmal nicht mehr vorstellen, wie so eine Konstellation in der Praxis aussieht. Hier hilft es, sich ab und an die angegebenen Fälle einmal im Original anzuschauen. Im vorliegenden Fall waren 4 Akteure beteiligt, es ging um den Verkauf einer Winterhalle und letztlich um die Frage, ob ein
gutgläubiger Erwerbvon V auf K nach §§ 929 S. 1, 930,
933 BGBstattgefunden hat.

Lukas_Mengestu
11.5.2021, 21:48:49
Während die Einigung im September 1972 erfolgte, erfolgte die Übergabe der Halle erst im November 1973. Für die Beantwortung der Frage, ob ein
gutgläubiger Erwerbstattgefunden hatte, kam es insoweit tatsächlich darauf an, ob im Jahr 1973 zum Zeitpunkt der Übergabe noch ein "einig sein" vorlag. Da die Vorinstanz dies nicht aufgeklärt hatte, verwies der BGH insoweit zurück. Und so wird aus dem scheinbar konstruierten Fall, der dazu dient das Problem zu klären, ob eine
dingliche Einigungwiderrufen werden kann, wieder ein tatsächlicher Lebenssachverhalt :) Ich hoffe, Du siehst es uns vor diesem Hintergrund nach, wenn wir auch an anderer Stelle die Realität zunächst etwas vereinfachen und auf das Wesentliche komprimieren. Beste Grüße, Lukas

Johaennzen
4.8.2021, 11:26:41
In der Lösung wird angeführt, dass der Widerruf „erkennbar“ sein muss. Ist damit gemeint, dass es sich bei dem Widerruf um eine empfangsbedürftige Willenserklärung handelt, die erst mit
Zugangwirksam wird (§130 I 1) oder handelt es sich bei der „Erkennbarkeit“ um eine eigenständige dogmatische Konstruktion? Ersterenfalls würde ich ggf. klarstellen, dass es sich bei dem Widerruf um eine empfangsbedürftige WE handelt, die vorliegend mangels
Zugangbei K nicht wirksam wurde🤔

Lukas_Mengestu
11.1.2022, 18:11:43
Hallo Johaennzen, in der Tat muss der Widerruf der Einigungserklärung dem anderen Teil zugehen, um wirksam zu sein (Kindl, in: BeckOK-BGB, 1.11.2021, § 929 RdNr. 18; BGH NJW 1978, 696). Es handelt sich hierbei allerdings NICHT um einen Widerruf nach § 130 Abs. 1 S. 1 BGB. Der Widerruf dort regelt den Fall, dass eine Willenserklärung im Zeitfenster zwischen ihrer Abgabe und ihrem
Zugangwiderrufen wird. Vorliegend haben wir bereits eine vollständige dingliche Eingiung, bei der die jeweiligen Willenserklärungen auch jeweils zugegangen sind. Im Schuldrecht wäre somit bereits ein verbindlicher Vertrag zustande gekommen, von dem man sich grundsätzlich nicht mehr einseitig lösen kann. Anders dagegen im Sachenrecht. Hier wird unter Rückgriff auf den Wortlaut des § 929 S. BGB

Lukas_Mengestu
11.1.2022, 18:12:00
von der h.M. die freie Widerruflichkeit angenommen. Beste Grüße, Lukas - für das Jurafuchs-Team
LexSuperior
23.12.2022, 02:44:25
Kurze Frage
LexSuperior
23.12.2022, 02:48:43
Also mir war klar das das fehlende „Einigsein“ nicht zur Unwirksamkeit führt weil er das Fehlen der anderen Partei nicht kundgetan hat. Ich war und bin mir aber unsicher aus welchen Gründen das so ist. Meinem Gefühl nach habe ich zwischen geheimen Vorbehalt und schutzwürdigkeit der anderen Partei geschwankt. Könnt ihr mir das vielleicht herleiten ?🙈😁

Nora Mommsen
23.5.2023, 17:19:07
Hallo LexSuperior, danke für deine Frage. Dein Instinkt hat dich richtig geleitet - im Grunde ist beides richtig. Die Unbeachtlichkeit des geheimen Vorbehalts ist der gesetzliche Ausdruck, der Schutzwürdigkeit der anderen Partei. Es wird auf den
objektiven Empfängerhorizontabgestellt und wenn ein objektiver Empfänger abweichendes nicht erkennen konnte, ist die Erklärung entsprechend zu verstehen. Dies gilt natürlich auch für das Vorliegen (oder in diesem Fall Fehlen) des Widerrufs einer Erklärung. Beste Grüße, Nora - für das Jurafuchs-Team
evanici
14.9.2023, 15:07:28
Würde der Widerruf bis zur Übergabe dann die Anfechtung ausschließen? Und wäre in diesem Zeitraum ggf. trotzdem ein SEA aus cic denkbar, die Einigung wäre ja ein dinglicher Vertrag...
Dogu
9.11.2023, 16:12:27
Könnte das auch aus dem Rechtsgedanken des § 116 S. 1 BGB hergeleitet werden? Zwar ist der ursprüngliche Wille schon geäußert, zumindest in analoger Anwendung könnte er jedoch herhalten oder?

julia_purpose
18.12.2024, 19:38:36
Genau das habe ich mich auch gerade gefragt. Wäre schön, wenn jemand eine Antwort darauf geben könnte! :)

dilo mittendrin
11.2.2025, 12:20:35
Hey @[Dogu](137074) und @[julia_purpose](145904) Der nachfolgende Kommentar stammte aus einem anderen Thread dazu : „(…) Ein
geheimer Vorbehaltwäre es, wenn sich der Verkäufer bei der dinglichen Einigung schon insgeheim denkt, dass er gar nicht will, dass Eigentum übergehen soll. Das ist hier ja nicht der Fall, hier entwickelt sich der Wille ja erst vier Tage nach der Einigung. Das der Verkäufer es sich bei der Übergabe denkt ist egal, da die Einigung ja schon vorher geschlossen wurde, als er sich noch an die Einigung halten wollte. Außerdem hätte ein
geheimer Vorbehalthier wohl keine Auswirkung, da er der Käuferin nicht bekannt war (§ 116 I 1)“ Ich hoffe, das hilft! :)
JuraStudentin
17.1.2025, 19:47:18
Mir ist aufgefallen, dass in der Lösung § 130 S. 1 BGB genannt wird. Soweit ich sehe, wird die Widerruflichkeit von Willenserklärungen jedoch in § 130 Abs. 1 S. 2 BGB geregelt. Könnten Sie bitte bestätigen, ob das so korrekt ist oder habe ich etwas übersehen?