Doppelter Erlaubnistatbestandsirrtum
13. Mai 2023
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+++ Sachverhalt (reduziert auf das Wesentliche)
B belästigt die Freundin des A. A bittet ihn, sie in Ruhe zu lassen. B tritt mit vorgeschobener Brust auf ihn zu und sein Freund C kommt in der Absicht dazu, ihm zu helfen. D will schlichtend eingreifen. A fühlt sich durch alle drei Männer bedroht. Er weiß nicht, ob Fäuste ausreichen, und greift zu seinem Messer. Er schlägt B, wobei er ihm einen Schnitt hinzufügt und auch C und D verletzt.
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Einordnung des Falls
Diese Konstellation des doppelten Erlaubnistatbestandsirrtums (ETBI) ist besonders klausurrelevant. Während bei einem Opfer ein einfacher ETBI vorlag, da die Notwehrhandlung nicht erforderlich war, lag gegenüber einem Opfer weder eine Notwehrlage vor, noch war die Notwehrhandlung erforderlich. Im Fall des einfachen ETBI schließt sich der BGH der eingeschränkten Schuldtheorie an, welche gem. § 16 Abs. 1 StGB analog einen Vorsatzausschluss annimmt. Währenddessen ist der Doppelirrtum wie ein Verbotsirrtum (§ 17 StGB) behandelt. Denn hier hätte sich der Täter nicht einmal im Falle des Vorliegens der irrig angenommenen Notwehrlage rechtskonform verhalten.
Die Jurafuchs-Methode schichtet ab: Das sind die 8 wichtigsten Rechtsfragen, die es zu diesem Fall zu verstehen gilt
1. Hat A den Tatbestand der Körperverletzung verwirklicht, wenn er vorsätzlich eine andere Person misshandelt oder an der Gesundheit geschädigt hat (§ 223 Abs. 1 StGB)?
Ja, in der Tat!
Jurastudium und Referendariat.
2. Hat A den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung verwirklicht (§§ 223 Abs. 1, 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB)?
Ja!
3. Ist eine Tat, die durch Notwehr gerechtfertigt, ist nicht strafbar (§ 32 Abs. 1 StGB)?
Genau, so ist das!
4. Hat A sich in einer Notwehrlage befunden (§ 32 Abs. 1 StGB)?
Ja, in der Tat!
5. War As Notwehrhandlung erforderlich?
Nein!
6. Handelt der Täter nicht (schuldhaft) vorsätzlich (§ 16 Abs. 1 StGB analog), wenn er über das Vorliegen der Umstände irrt, die eine Rechtfertigung begründen?
Genau, so ist das!
7. Befand A sich in einem Erlaubnistatbestandsirrtum und handelte er nicht (schuldhaft) vorsätzlich (§ 16 Abs. 1 S. 1 analog)?
Ja, in der Tat!
8. Hat sich A gegenüber D in einem Doppelirrtum befunden?
Ja!
Fundstellen
Prüfungsschema
Wie baust Du den <b>Erlaubnistatbestandsirrtum</b> in deine Prüfung ein?
- Strafbarkeit wegen (versuchten) Vorsatzdeliktes (z.B. § 223 Abs. 1 StGB)
- Tatbestand (+)
- Rechtswidrigkeit (+)
- Erlaubnistatbestandsirrtum
- Voraussetzungen: hypothetische Rechtfertigungsprüfung
- Rechtsfolge: Darstellung der verschiedenen Theorien
- Strafbarkeit wegen fahrlässiger Begehung (z.B. § 229 StGB)
- Bestehen eines Fahrlässigkeittatbestands und Erfolgseintritt
- Beruhen des Erlaubnistatbestandsirrtums auf Fahrlässigkeit
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